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Interview mit DBS-Präsident Friedhelm Julius Beucher

DBS (Deutschen Behindertensportverbandes e.V.) Präsident F. J. Beucher mit der Spitzensportlerin und DEM Aushängeschild des deutschen Schwimmsports, Kirsten Bruhn. Jede freie Minute steckt das sympathische „Nordlicht“ in hartes Training, was ihr absolut durchtrainierter Body bezeugt. Den Titel „Behindertensportlerin des Jahres“ gewann Kirsten bereits mehrfach. Archivfoto: © ´Der Sasse´ alias Christian Sasse [ Foto+TV Agentur NTOi.de ] Kommerzielle Fotoanfragen erwünscht 0171.6888777 

 

Köln / Oberberg – Auf dem 15. Ordentlichen Verbandstag in Köln wählten die Delegierten des Deutschen Behindertensportverbandes e.V. Friedhelm Julius Beucher einstimmig ins Amt des Präsidenten. Im Interview nimmt der 62jährige Stellung zu den Zielen der Verbandsarbeit für die kommenden Jahre.

 

 

  • MM: Herzlichen Glückwunsch zu ihrer Wahl, Herr Beucher. Die Delegierten haben beim 15. Ordentlichen Verbandstag einstimmig für sie votiert. Was war das in diesem Moment für ein Gefühl?

Das war ein schönes Gefühl, weil einstimmige Wahlen, insbesondere nach kontroversen Diskussionen, einen großen Vorschuss an Vertrauen bedeuten und eine gewisse Form von Hoffnung, die ich nun zu erfüllen habe.

 

 

  • MM: Sie engagieren sich seit Jahren im Behindertensport – zuletzt als Vorsitzender des Kuratoriums. Was hat sie letztendlich dazu bewogen für das Amt des Präsidenten zu kandidieren?

Die einfache Tatsache, dass nach dem Verzicht auf eine erneute Kandidatur von Karl Hermann Haack niemand da war und die Ländervertreter mich gebeten haben, für den Posten zu kandidieren.

 

 

  • MM: Können Sie sich an den Moment erinnern, als Sie das erste Mal Kontakt zum Behindertensport hatten?

Zu Menschen mit Behinderung im Allgemeinen schon sehr früh, als Nachkriegskind war es unwahrscheinlich eindrucksvoll und auch belastend die vielen Kriegsversehrten zu sehen. Einprägsam war aber dann das Kennenlernen von Rainer Schmidt, Mitte der achtziger Jahre. Rainer Schmidt verblüffte in meiner Heimat als Tischtennisspieler ohne Arme einfach Jedermann. Zudem war ich dem Sport immer sehr verbunden, aktiv als auch passiv, zum Beispiel als Sportausschussvorsitzender des Bundestages. Der entscheidende Moment kam dann 1992, als ich als Bundestagsabgeordneter die Paralympics in Barcelona besuchte. Von da an hat mich der Behindertensport nicht mehr losgelassen. Ich fand so viele Baustellen, wo etwas getan werden musste und ich habe in kurzer Zeit viele persönliche Kontakte gewonnen, die mir auf diesem Weg geholfen haben und es immer noch tun.

 

 

  • MM: Seit Tagen erreichen Sie Glückwunschschreiben. Ist das eine Bestätigung dafür, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben?

Zunächst bin ich ein ganz normaler Mensch und freue mich natürlich über diesen Zuspruch. Dabei nehme ich zufrieden zur Kenntnis, dass wir längst noch nicht alles, aber sehr viel erreicht haben, was die öffentliche Wahrnehmung angeht. Als besonders schön empfinde ich Schreiben von denjenigen, die sich an zurückliegende Erlebnisse und Einsätze von mir erinnern und mir jetzt sagen und das sage ich unumwunden stolz „Friedhelm, du bist der Richtige an dieser Stelle“.

 

 

  • MM: Welche Ziele haben Sie sich für die kommenden Jahre gesetzt?

Gleichwohl wir in den letzten Jahren Quantensprünge gemacht haben und es bei den Paralympics schon zu täglichen TV-Sendungen geschafft haben, befinden wir uns  immer noch in der öffentlichen Wahrnehmungsnische. Da müssen wir raus. Für die Leistungsentwicklung im Spitzensport ist es besonders wichtig, dass wir die Professionalisierung des Sports weiter nach vorne treiben und eine „echte“ Gleichbehandlung zum Spitzensport von Menschen ohne Behinderung erreichen. Das Thema „duale Karriere“ steht deshalb ganz oben auf meiner Liste, nicht zuletzt deshalb, weil es unsere Spitzenathletinnen und Athleten persönlich betrifft.

Wir müssen uns einmischen wenn es um Menschen mit Behinderung geht! Egal ob es um  demografischen Wandel, betriebliche Gesundheitsvorsorge, Präventionsgesetz oder generelle Veränderungen im Gesundheitssystem geht. Wir müssen erreichen, dass Menschen mit Behinderung explizit (und nicht nur am Rande) berücksichtigt werden. Unsere Vereine, Landes- und Fachverbände haben hier eine enorme Fachexpertise in den Bereichen Breiten- und Rehabilitationssport, die es zu kanalisieren und zielgerichtet einzubringen gilt.  Es muss uns auch gelingen mehr Kinder und Jugendliche mit Behinderung an den Sport heranzuführen. Da sind die Bundesjugendspiele für Schülerinnen und Schüler mit Behinderung, nicht zuletzt aus meiner Sicht als Sportler und Lehrer, sicherlich ein guter Anfang.

Dann will ich den Verband in seinem Reformprozess weiter begleiten, das heißt, mit modernen Managementstrukturen leiten, zugleich aber auch die Keimzellen, also Behindertensportvereine vor Ort mit ihren Landesverbänden mitnehmen. Und was in einer demokratischen Gesellschaft bei einer durchgesetzten Teilhabe von Menschen mit Behinderung eigentlich selbstverständlich ist, die absolute Gleichrangigkeit von behinderten und nichtbehinderten Sportlern zu erreichen.

 

 

  • MM: Sie gelten bei unseren Sportlerinnen und Sportlern als überaus beliebt, weil sie oft bei Meisterschaften und internationalen Wettkämpfen anwesend sind und damit ihre Unterstützung signalisieren. Wird das in Ihrem neuen Amt so bleiben, oder verschiebt sich der Schwerpunkt Ihrer Arbeit?

Präsident des Behindertensportverbandes zu sein ohne unmittelbaren Sportlerkontakt ist für mich unvorstellbar. Veränderungen im Verband und Lösungen von anstehenden Aufgaben können aber natürlich nicht nur auf dem Sportplatz, sondern im Büro und auf der Kontaktschiene sowie in den dafür vorgesehenen verbandsinternen Organen und Gremien bewältigt werden. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir zwar wirtschaftlich konsolidiert sind, aber weder sind wir reich, noch können wir unbedarft in die Zukunft sehen. Das heißt, trotz der wirtschaftlichen Rückschläge, die die Welt gerade erlebt, muss eine intensive Erweiterung von Sponsorengesprächen einhergehen. Meine Arbeit wird ein Mix: Sportkontakte, Büro und Kontakte außerhalb des Verbandes pflegen und hegen.

 

 

  • MM: Wie entspannen Sie am liebsten nach getaner Arbeit?

Ich bin ein gnadenloser Workaholic, aber um auch das Versprechen meiner Frau gegenüber einzulösen, möchte ich mit ihr mehr Zeit verbringen und trotz aller Arbeit für den Behindertensportverband ausgedehnte Radtouren unternehmen.

 

 

 

Zur Person “Friedhelm Julius Beucher”

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Friedhelm Julius Beucher, geboren am 21. Juli 1946 in Bergneustadt, verheiratet, eine Tochter. F.J. Beucher ist bekannt als “engagierter Macher”, der nicht lange fackelt, sondern auch etwas unternimmt, wie damals bei der Insolvenz der Firma ISE (wir berichten). Archivfoto: © ´Der Sasse´ alias Christian Sasse [ Foto+TV Agentur NTOi.de ] Kommerzielle Fotoanfragen erwünscht 0171.6888777

 

  • Gemeinschaftsschule, Real- und Höhere Handelsschule, Berufsausbildung, Begabtensonderprüfung 1969. Studium an der Pädagogischen Hochschule in Bonn 1969 bis 1973.
  • 1974 bis 1976 Lehrer an einer Gemeinschaftsgrundschule, 1976 Fachleiter Bezirksseminar, nachher beim Kultusminister Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf, 1981 bis 1990 Rektor einer Gemeinschaftsgrundschule, seit 2004 bis Ende Juli 2009 Rektor der integrativen Montanusschule Burscheid Mitglied der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, im Automobilclub Europa (ACE), im Naturschutzbund Deutschland, im ADFC, im World Wildlife Fund, bei amnesty international und in verschiedenen Sport- und regionalen Vereinen; Mitgründer und seit 1983 Vorsitzender eines Arbeitslosen- und Qualifizierungsprojektes im Oberbergischen Kreis mit inzwischen über 5.000 Beschäftigungsverhältnissen.
  • Kuratoriumsvorsitzender im Deutschen Behindertensportverband seit Oktober 2004. Vorstandsmitglied im Kuratorium Sport und Natur 1998 bis 2007, seit 2007 Ehrenvorstand. Mitglied des Kuratorium Deutsche Schulsportstiftung seit 1999. Vizepräsident Special Olympics Deutschland 2005-2009.
  • Mitglied der SPD seit 1967; Mitglied verschiedener Hochschul- und studentischer Gremien, AStA-Vorsitzender 1971 bis 1972; Ortsvereinsvorsitzender der SPD Bergneustadt 1975 bis 1990 und seit 2004; Mitglied im SPD-Unterbezirksvorstand Oberbergischer Kreis seit 1975, von 1987 bis 2007 Unterbezirksvorsitzender; Mitglied im SPD-Landesausschuß Nordrhein-Westfalen 1975 bis 1980; von 1981 bis 2001 Mitglied des SPD-Landesvorstandes Nordrhein-Westfalen. Von 1975 bis 2004 Stadtrat in Bergneustadt, 1988 bis 1989 und seit 2004 Mitglied des Kreistages Oberbergischer Kreis. Mitglied des Bundestages von 1990-2002. Seit 2007 Ehrenvorsitzender der SPD Oberberg.

 

 

Das Interview im Wortlaut führte Marketa Marzoli.

 

 

Quelle: (1:1) Markéta Marzoli, Pressesprecherin, Media and Communication Manager, Deutscher Behindertensportverband e.V.

 

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06 4404 · 07 2 · # Donnerstag, 14. Dezember 2017